Nun, da sich langsam die Messehallen leeren, wird es endlich Zeit, einmal einen kleinen Kerl zu würdigen, der seit drei Tagen im Leben von über 100.000 Menschen eine wichtige Rolle spielt:
Lieber Papphocker,
seit Tagen bereits bewundere ich deine Vielseitigkeit! Du bist ein wahres Multimöbel und lädst ein zum Lümmeln und Schlafen.
Wir können auf dir stehen:
Und - fast hätte ich es vergessen - wir können auch auf dir sitzen. Mal in langen Reihen oder auch im Halbkreis:
Und nach dem Kirchentag gehen deine treuen Dienste weiter, denn für einen schlappen Euro wirst du verkauft. Ich habe gehört, dass Kinder mit dir Laufen lernen, indem sie dich durchs Zimmer schieben und dass du als Nachtschränkchen oder Beistelltisch geradezu kultig bist. Und als Notfallreserve, falls mal die ganze Familienmischpoke einfällt, wartest du geduldig und flach mit deinen Brüdern in der Abstellkammer.
Aber ich frage mich die ganze Zeit: Woher nimmst du nur die Kraft dazu, die ganze Last zu tragen? Heute bin ich deinem Geheimnis endlich auf die Spur gekommen:
Na, klar: Das Kreuz in deinem Innern gibt dir Halt!
Jonas am 11.06.07 20:50
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Im Frühstückszelt des Internationalen Jugendcamps ist eine Stimmung, als wäre Abifeier und Silvester auf einmal. Auf der Bühne: Ten-Singer. Vor der Bühne: Noch mehr Ten-Singer. Und alle zusammen peitschen sich gegenseitig so hoch, dass nicht klar ist, was aus dem Verstärker kommt und was aus den Fan-Kehlen. Die paar älteren Camp-Besucher, die sich hereingetraut haben, sind in die hinterste Ecke geflüchtet. Aber sie bleiben: Die singende, winkende, im Bühnennebel badende Menge ist einfach ein zu faszinierender Anblick.
Es ist eine Art Talentschuppen, die Gruppen zeigen, was sie können, rocken, tanzen, spielen auch mal einen Sketch. Was mir auffällt: Es gibt offensichtlich keinen Neid, nur Begeisterung darüber, dass ein Ten-Sing so was Tolles auf die Beine gestellt hat. "Konkurrenz? Nein!"
Sophie, die draußen ihre Tanzschritte geübt hat, hat gerade eine Pause eingelegt. "Wir gehen ja auch gegenseitig auf unsere Konzerte." Aber es gibt schon eine Rangliste, und ganz oben steht der Ten-Sing Gahlen. Die blasen Red-Hot-Chilli-Pepper-Lieder mit Wucht durchs Zelt und machen Alanis-Morisette-Songs zum Hinhörer. "Gahlen! Gahlen!", begeistert sich das Publikum lautstark. Ich flüchte ins Freie.
Da sitzt Engin Eroglu aus Hessen, Sparkassenkaufmann von Beruf, Ten-Sing-Organisator aus Berufung. Der kennt alle Gruppen, auch die aus Gahlen: "Die sind lustig, ein kleines Dorf und viele Ten-Singer, mit einer richtig langen Bewerberliste." Jetzt ist er gerade dabei, ein neues Ten-Sing für NRW zu organisieren. "Wenn ich Ten-Sing studieren könnte... Geht aber nicht, das ist alles ehrenamtlich." Viel Stress, so wie er aussieht. Aber Ten-Sing scheint auch viel Energie zu geben. Das Zelt bebt jedenfalls immer noch, als ich gehe.
"Ten-Sing Ziegenhain" - die
Wissenslücke habe ich geschlossen. Jetzt muss ich nur noch rausfinden, was es mit der "Finnischen Messe" und dem Bibliodrama auf sich hat.
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Besonders entspannt sitzen die Besucher in einem Café der Halle 7, das durch die Palmen hindurch einen direkten Blick auf das Podium bietet.
Horst Köhler spricht besonders lang und engagiert zum Thema Afrika.
Hier ein paar besonders knackige Zitate des Präsidenten: "Wir begreifen nicht, dass wir viel mehr mit Afrika in einem Boot sitzen.", "Wir müssen stärker zuhören, was die Afrikaner selber wollen, wir müssen sie nicht für dumm verkaufen." (heftiger Applaus), "Wir Europäer sollten Ölverträge mit Afrika machen, wo wir zeigen, wo das Geld hingeht und drauf achten, dass der Hauptteil der Bevölkerung zugute kommt." (einer im Publikum ruft laut: "JA!"), "Wer kümmert sich um den Handel mit Kleinwaffen in Afrika? Ich finde das beschämend!" (hier wird Köhler richtig wütend), "Die Fische werden in Afrika abgefischt und die jungen Afrikaner flüchten nach Europa, weil sie nichts mehr zu essen und zu arbeiten haben." (sehr starker Applaus). Moderator Bernd Hartnagel greift die Stimmung im Saal auf und sagt, Köhler habe einen Extra-Applaus verdient. Der winkt nur bescheiden ab, doch trotzdem wildes Klatschen und nicht wenige erheben sich von ihren Papphockern.
Mit Horst Köhler auf dem Podium sitzen der Reeder Bernd Krämer, Leiter des Projekts "Schulen für Afrika", und die Inderin Suvarna Gandham, die ähnlich wie Friedensnobelpreisträger Mohammed Junus und viele andere
internationale Organisationen Mikrokredite vergibt. Suvarna Gandham spricht von einer Rückzahlungsquote von 99 Prozent. Sind diese Mikrokredite auch in Deutschland möglich? Köhler fordert die Sparkassen auf, mehr für den Mittelstand und den kleinen Kunden vor Ort da zu sein, statt sich auf großen Finanzmärkten zu tummeln. Als Bundespräsident nimmt sich Köhler wieder mal die Freiheit, Politik und Wirtschaft die Leviten zu lesen.
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Um den augenfälligsten Unterschied zwischen dem Auftritt des Bundespräsidenten und der
Bundeskanzlerin gleich vorweg zu nehmen: Während Merkel den Kirchentagsschal nur locker auf ihren Schoß legte, trug Horst Köhler ihn demonstrativ bereits beim Einzug in die Messehalle 7. Der Begrüßungsapplaus der rund 4.500 Besucher war warm und herzlich. Das waren ungefähr
genausoviele Interessenten wie bei Merkel - nur ist hier die Halle viel größer. Es hätten sogar noch ein paar Hundert Platz gehabt.
Sabine Tenta am 11.06.07 18:49
Heinrich Schroeter am 10.06.07 9:28
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Der Kirchentag macht mich fertig. Heute, am vierten Tag, vergesse ich die halbe Ausrüstung, dann verfahre ich mich total, und schließlich falle ich im Jugendcamp in ein Loch, das am
Montag bestimmt noch nicht da war. Als ich danach auf den Ten-Sing Ziegenhain stoße, fühle ich mich gleich nochmal so müde. Wo nehmen die bloß die Energie her?
Mit dem Ten-Sing Ziegenhain habe ich mich verabredet, weil ich im Programm darüber gestolpert bin - so ein schöner Name, sehr exotisch und sehr deutsch und absolut unverständlich. Inzwischen habe ich mich aber durchgefragt, um wenigstens
eine Wissenslücke zu schließen. In der Kurzversion:Ten-Sing ist eine Form der christlichen Jugendarbeit, die auf Musik setzt. Natürlich ist alles viel komplizierter, aber es reicht zu wissen, dass es 160 Gruppen in Deutschland gibt und dass Leute wie "Silbermond" oder Xavier Naidoo mal als Ten-Singer angefangen haben. Und: "Ten-Singer sind komisch." Bitte? "Doch", beharrt Sophie aus Ziegenhain, "wenn plötzlich Leute anfangen, in der U-Bahn zu singen, dann müssen das Ten-Singer sein. Andere Leute trauen sich das nicht."
Die sollen sich aber was trauen. Deswegen sind sämtliche Ten-Sing-Gruppen heute aus ihrem Quartier in einer Mülheimer Schule hergekommen, um ihnen etwas beizubringen, Singen, Tanzen oder Jonglieren, egal. Die Kirchentagsbesucher finden den Weg aber nicht, die anderen Camp-Bewohner sind vom Messe-Gehen und Köln-Gucken eindeutig zu kaputt. Und die Palästinenserinnen, die wahrlich genug Kondition haben, werfen nur einen irritierten Blick hinüber. Sophie erfüllt trotzdem ihre Pflicht und zeigt ihre Tanzschritte eben einer anderen Gruppe, wieder und wieder und wieder. Ten-Sing ist offensichtlich kein Spaß, sondern eine Lebenseinstellung. Oder ist das protestantischer Arbeitsethos? Mir wäre das jetzt echt zu anstrengend. Außerdem tut mein Knie weh.
Aber warum wummert und jault und johlt es plötzlich so im Frühstückszelt, dass die Luft erzittert? Ich glaube, ich humpele mal rüber.
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Lieber Petrus, war das jetzt nötig? Seit Tagen ertragen wir die Schwüle nur dank unseres festen Glaubens, der uns unerschütterlich
ökumenische Brückenwege mitlaufen und
übergroße Messehallen durchforsten lässt. Zweimal kam ein Stürmchen auf, Kreuze schwankten,
Bibel-Mobil-Fahrer brachten ihr Sortiment in Sicherheit - aber kein Regen. Warum also gerade jetzt, 17 Stunden vor dem großen Abschlussgottesdienst? Matsch und Modder auf den Poller Wiesen - kein schöner Abschiedsgruß...
Obwohl: Beim katholischen Weltjugendtag vor zwei Jahren hat es auch unsommerlich
heftig geregnet, und so sah das Marienfeld auch aus. Also doch wohl nur rein meteorologisch, nicht theologisch.
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Angela Merkel betritt die Halle und wird mit einem erstaunlich begeisterten Applaus empfangen. Doch das ist noch steigerungsfähig! Für Junus gibt es ein geradezu frenetisches Klatschen, Johlen und Trommeln auf den Papphockern!
Die Bundeskanzlerin beginnt mit einer Präsentation der Ergebnisse von Heiligendamm. Teile ihrer Rede hätten so auch Kirchentagspräsident Höppner oder Präses Schneider sagen können. Zum Beispiel das hier: "Wir können unmöglich Afrika mit unserer europäischen Erfahrung etwas aufdrängen." Oder das Lob für Junus, der zeige, dass man mit wenig Geld viel bewirken könne, während die offizielle Entwicklungshilfe oft ein Beispiel dafür sei, dass viel Geld wenig bewirke. Oder dieser Satz: "Globalisierung kann nur gelingen, wenn es soziale Mindeststandards gibt und Mindeststandards bei der Umwelt, und die müssen wir durchsetzen." Und damit könnte sich die Bundeskanzlerin auch um eine Stelle in einem Weltladen bewerben: "Die ärmsten Länder werden nur eine Chance mit ihren Produkten haben, wenn sie faire Handelsbedingungen bekommen." Reiht sich Merkel in den
G8-Ruf der Globalisierungskritiker des Kirchentages ein?
Nach ihrer Rede reicht Moderator Wolf von Lojewski ihr einen orangefarbenen Kirchentagsschal. Junus und Bischof Mvume Dandala auf dem Podium tragen ihn bereits um den Hals. Merkel, die Tochter eines evangelischen Pfarrers, nimmt ihn und legt ihn auf ihren Schoß. Das scheint mir keine weitere
Modevariante, den Schal zu tragen, sondern eher ein deutliches Signal der Distanzierung.
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In der
überfüllten Halle, in der Merkel und Yunus auftreten, werden keine Transparente geschwungen oder Parolen skandiert. Die einzigen Sprechchöre zielen auf die Disziplinierung der Mitschwestern und -brüder: "Hinsetzen! Hinsetzen!" ruft die Menge denen zu, die auf den Papphockern stehen und die Sicht auf die Bühne verstellen. Und diese Aufforderung gilt auch für kleine Männer:
P.S.: Bonsai hat wirklich Humor - auf der Vorderseite seines T-Shirts steht: "Ein Mann wie ein Baum"
P.P.S.: Später stimmte doch noch eine kleine Gruppe ein Protestlied in der Halle an. Es war nur eine kurze Störung, die Mehrheit der Besucher bekundete deutlich ihr Missfallen über diese Aktion.
Sabine Tenta am 9.06.07 18:50
Sternenguckerin am 9.06.07 16:36
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Die Halle 5.2 fasst 3.000 Menschen - aber das ist immer noch nicht genug, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Friedensnobelpreisträger Mohammed Junus diskutiert. "Halle überfüllt" heißt es bereits lange vor Beginn. Circa 1.500 Menschen drängen sich vor den verschiedenen Eingängen der Halle.
Klingt verlockend - aber die Menge zieht an dem Schild vorbei.
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All diese Unierten, Reformierten, Calvinisten und Lutheraner bringen mich
immer noch durcheinander.Wer was warum glaubt und wie er das dann feiert, verwirrt mich - die Katholiken haben es da einfacher. Aber ich will ja auf diesem Kirchentag etwas dazulernen. Vielleicht versuche ich es mal mit einer ganz kleinen Kirche? Mit einer, die klingt, als wäre sie sehr streng? "Altreformierte Freikirche" hört sich gut an. Die besuche ich aber nicht am Messestand, das ist mir zu theoretisch. Lieber zum Jugendgottesdienst am Vormittag.
Ich weiß nicht, was ich mir vorgestellt habe. Menschen mit strengen Gesichtern und strengen Frisuren vielleicht, die mit der Bibel in der Hand zur Kirche schreiten? Ziemlicher Blödsinn. Die junge Frau, die ich kennenlerne, hat in einem Ohr mehr Piercings als ein Kirchenlied Strophen: Jutta Arends, 27 Jahre alt und in Krefeld Lehrerreferendarin für evangelische Religion. Eigentlich kommt sie aus der Grafschaft Bentheim hoch im Norden Deutschlands, da, wo die meisten Altreformierten zuhause sind, weil ihre Vorfahren sich einst gegen modernistische Tendenzen in der Reformierten Kirche gesträubt haben. Aber jetzt ist sie eben hier im Rheinland. "Das ist aber auch okay, ich habe viele Mennoniten und Baptisten an der Schule."
Als gelernte Theologin kann Jutta Arends natürlich all die Feinheiten ihres Glaubens herunterbeten. Konfirmation mit 18, der Heidelberger Katechismus aus dem 16.Jahrhundert als Glaubensgrundlage, staatlich anerkannt, aber selbst finanziert. Aber das alles - inklusive der zwei Gottedienste am Sonntag - scheint mit Leben erfüllt, nicht weit weg vom Alltag. "Natürlich kann bei uns jeder das Heidelberger Manifest", sagt sie und zitiert die erste Frage daraus: "Was ist der einzige Trost im Leben und im Sterben?" Die Originalantwort erspart sie mir, "die ist lang, das sind mehrere Strophen", aber zusammengefasst heißt sie: "Jesus und Gott, das ist unser Halt."
Menschen, die in ihrem Glauben zuhause sind: Da bin ich jetzt auf den Gottesdienst gespannt. Psalter werden nicht gesungen, der Heidelberger Katechismus wird nicht zitiert - man wolle ja niemanden missionieren, heißt es vorher, und es sind ja auch Nicht-Altreformierte dabei. Kein "echter" Gottesdienst also, aber Jutta Arends freut sich trotzdem, weil sie da mit Leuten von zuhause feiern kann. Und die Begeisterung, die dann durch den Saal schwappt, scheint doch altreformiert zu sein. Gospel, Rock, Xavier Naidoo - alles wird fast jubelnd mitgesungen und beklatscht. Und die Kirche, ohnehin schon überfüllt und reichlich stickig, verwandelt sich endgültig in eine Waschküche. "Es war sehr schön", sagt Jutta Arends später.
Ein paar strenge Menschen gibt es da übrigens doch. Mein Handy klingelt im falschen Moment, ich stehe mit meiner Kamera im Weg und ernte böse Blicke. Gottesdienst als lebenswichtige Angelegenheit - irgendwie exotisch...
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