Kollegin Tenta stand beim
Schlusssegen oben auf der Brücke, ich leider nicht. Ich stand immer noch im "
Da-Simmer-dabei"-Gewühl am linken Rheinufer, und den Schlusssegen von der anderen Seite konnte ich nur erahnen. Dafür sah ich viele Pärchen, die sich von der Romantik überwältigen ließen - war ja auch zu schön!
Den leuchtenden Fisch konnte ich aber erkennen, weil ich mich nach vorne gekämpft habe. Dann habe ich mich wieder nach hinten gekämpft, weil ich mich vor den vielen vielen anderen auf den Heimweg machen wollte. Die standen da, mit den Kerzen in der Hand, die in der Abendbrise fast verlöschten, während der "Klangteppich" alles verhüllte. Wunderschön. Schade, dass zwei Gassen weiter business as usual herrschte - mit Bier, Gegröle und Grönemeyer. Die Kirchentagsbesucher, die sich dahin verlaufen hatten, sahen aus, als wären sie aus einem Traum aufgewacht.
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Der Auftakt des evangelischen Kirchentages klang stimmungsvoll aus. Zum Abendsegen, der über Lautsprecher zwischen der Hohenzollernbrücke und Deutzer Brücke übertragen wurde, entzündeten die Gläubigen tausende Kerzen, die als winzige Punkte an den Ufern leuchteten.
Als dann schließlich der Fisch, der sich über einen Bogen der Hohenzollernbrücke erstreckt, rot beleuchtet wurde, ging ein "Aaaah" und "Oooooh" durch die Menge. Etwas mehr als ein Brückenbogen bildet die obere Hälfte des Christensymbols - die untere ist als Spiegelung im Rhein zu erahnen.
Und dieser Fisch kann sogar schwimmen, naja, wenn die Kamera ein bisschen nachhilft zumindest.
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Spätestens seit heute Nachmittag ist Orange DIE dominierende Farbe in der Innenstadt. Mit dem Kirchentagsschal geben sich die Teilnehmer zu erkennen. Mal wird das Tuch im Piratenlook um den Kopf geschlungen oder der Hut wird verziert oder das Handgelenk oder der Rucksack. Auch Babys tragen bereits Orange.
Ach ja, um den Hals lässt sich das Halstuch auch tragen.
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Wo ist er nun? Die Polizisten, die plaudernd am Straßenrand stehen, haben offensichtlich noch nie was von einem "Gottesdienst in leichter Sprache" gehört. Und die Kirchentagshelfer, die schon ziemlich ermattet an allen Kreuzungen hocken, wissen nicht, wo der Gürzenich ist. Aber in letzter Minute finde ich hin - nicht in einer Kirche am Gürzenich, sondern mittendrin, in die Kölner Karnevalshochburg. Die ist, anders als der
Gottesdienst auf den Poller Wiesen, proppevoll. Und die Stimmung schlägt jetzt schon Wellen.
Rollstuhlfahrer, Menschen mit Down-Syndrom, Menschen ohne Down-Syndrom und Rollstuhl, Kinder, Ältere sitzen in engen Stuhlreihen und verbreiten eine Stimmung, die irgendwo zwischen Klassenfahrt und Meditationsabend schwankt. Ich bin erst mal nur ratlos: "in leichter Sprache" sagt mir immer noch nichts. Zum Glück finde ich den letzten freien Platz gleich neben
Rainer Schmidt, Bonner Pastor (und, um es zu erwähnen, höchst erfolgreicher Teilnehmer mehrerer Paralympics). Der wird später die Predigt halten, erzählt mir aber jetzt erst mal sehr begeistert, dass diese Gottesdienste zwar mit vielen eingängigen Liedern und in einfachen Worten abgehalten werden, aber schon lange nicht mehr auf geistig Behinderte beschränkt sind - "dann würden die ja wieder separiert". Und eigentlich wollen die nur mittendrin sein im Leben.
Und dann geht es los, mit selbstgemachter Musik, mit Theaterstücken, mit kleinen Spielchen rund um "böse Worte" und superscharfen Gummibärchen für alle, passend zum Kirchentagsmotto. Erinnert mich bisschen an die gutgemeinten Jugendgottesdienste von einst - wäre da nicht der Gesang aus voller Kehle, das herzhafte Lachen miteinander, die echte Freude an den Gebeten. Rainer Schmidt predigt über den blinden Bartimäus - hier heißt das "er denkt nach", und die Kommentare aus dem Publikum sind genauso handfest wie seine Sprache. Das nimmt mich dann auch gefangen - und das Vaterunser habe ich lange nicht mehr so inbrünstig gesprochen gehört wie hier. Kaum zu glauben, dass geistig Behinderte noch vor einer Generation vom Abendmahl ausgeschlossen wurden, weil sie es angeblich nicht begreifen.
Zum Schluss wird der Kirchentag hochoffiziell für eröffnet erklärt, soviel Zeit muss sein. Der Segen wird mit einem kräftigen "Amen!" quittiert. Der reicht bestimmt für den ganzen Kirchentag.
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Der Eröffnungsgottesdienst ist beendet, nun spricht Frank-Walter Steinmeier - und die Menge löst sich bereits auf. Das Wort der kirchlichen Vertreter hat wohl doch mehr Gewicht als das der Politik. Applaus brandete hingegen kurz auf, als der Außenminister sagte: "Der Kirchentag ist ein Fest des Glaubens und des Friedens, hier werden Argumente ohne Zäune und Stacheldraht ausgetauscht."
Die Poller Wiesen waren übrigens weit davon enfernt, überfüllt zu sein. Man konnte sich bequem durch die Menge bewegen, überall waren noch freie Plätze, zum Stehen oder um sich auf der Wiese zu lümmeln. Insgesamt eine friedliche und entspannte Atmosphäre.
Auch Jürgen Rüttgers kann die Menge nicht halten, obwohl er den Protestanten zuruft: "Sie sind hier nicht in der Diaspora, Sie sind hier zu Hause!"
Jetzt spricht Kardinal Meisner und noch weniger Menschen hören zu. "Jesus definiert uns Christen als das Salz der Erde. Es ist nicht dafür da, dass es im Salzfass aufgehoben wird, sondern damit es in die Welt gerührt wird, damit es ihr Würze verleiht."
In den nächsten Tagen werden wir sehen, wieviel Würze dieser Kirchentag hat.
Sabine Tenta am 14.06.07 15:01
Ulrich 2 am 14.06.07 10:27
Jonas am 11.06.07 21:14
Lukas am 7.06.07 1:22
Andreas am 6.06.07 21:26
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Während die Wise Guys das Motto-Lied "Lebendig und kräftig und schärfer" singen, hält es den EKD-Vorsitzenden Huber und Außenminister Steinmeier zwar noch auf ihren Stühlen, aber sie klatschen begeistert mit. Und wie wird der Song auf der katholischen Seite aufgenommen?
Auch das ist eine Möglichkeit der Musikrezeption - während die Menge rockt, die evangelischen Promis klatschen und grooven, lässt sich auch besinnlich über das Lied nachdenken. Diese Bandbreite und Vielfalt macht wohl einen Kirchentag und die Ökumene aus!
Andreas am 7.06.07 19:34
Sabine Tenta am 7.06.07 11:37
Andreas am 7.06.07 0:12
Dörte Erika Krause-Trumpf am 7.06.07 0:07
Andreas am 6.06.07 23:54
Dörte Erika Krause-Trumpf am 6.06.07 22:26
Andreas am 6.06.07 21:31
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Jetzt singen die Wise Guys ihr Mottolied und die Post geht ab. Der Rhythmus geht gut rein, die Menschen heben die Hände über die Köpfe, klatschen und singen mit. Einer sagt: Jetzt geht's los, als ob mit diesem Sound der Kirchentag erst beginnen würde.
Und wie sieht es auf der Promitribüne aus?
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Der Eröffnungsgottesdienst hat angefangen und als ich durch die Reihen schaue erschrecke ich: Nanu, Kardinal Meisner hinter Gittern? Ist das, weil er das
Programm als "Leipziger Allerlei" bezeichnet hat? Und der Kölner Oberbürgermeister Schramma wird gleich mitverhaftet? Ach, nee, das ist nur das Absperrgitter! Ich muss einfach ein paar Schritte weiter gehen, dann kann ich die beiden unverstelllt sehen:
Die gesamte Prominenz sitzt da oben, mit dem Ehepaar Rüttgers, Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse, Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu.
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Wer gerne hilft kann dies nicht nur alle sieben Pfingsten, pardon
alle zwei Kirchentagsjahre tun, sondern jederzeit, ein ganzes Jahr lang. Dafür demonstriert eine Gruppe junger Leute, die alle ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) machen.
Was ist so toll an einem FSJ, warum beflügelt es? Und nun reden Micha, Anna, Adrian, Jakob und Tatjana wild auf mich ein: „Man sammelt verdammt viel Erfahrungen“, „Wir machen Seminare, wo wir richtig viel lernen, Stressbewältigung und soziale Kompetenz und so was“, „Ja, und die Themen können wir uns da selbst aussuchen, nicht wie beim Zivildienst, wo es staatlich verordnet ist“ und schließlich: „Man kann in eine andere Stadt gehen“ – das letzte Argument belegt Tatjana auf besonders eindrucksvolle Weise: Sie stammt aus Sibirien und macht in Hannover ihr FSJ in einer Einrichtung für Taubblinde. „Ich habe Lormen gelernt“, sagt Tatjana, und dreht gleich ihre Hände, denn die Taubblindensprache wird in die Hand buchstabiert. Wer Lust hat mehr übers FSJ zu erfahren, könne sich am Tanzbrunnen informieren.
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So langsam füllen sich die Poller Wiesen, die Wise Guys sind bereits beim Soundcheck und beschallen das Grün mit einem Dufftidufftidingdumdum. Noch bevor der Eröffnungsgottesdienst richtig angefangen hat, sind zwei Helfer schon fertig. Es ist heiß und schwül. "Ich helfe" steht auf den orangefarbenen Tüchern. "Ich schwitze" oder "ich schlafe" wäre gerade passender. Doch als die Wise Guys ihren Motto-Song "Lebendig und kräftig und schärfer" anstimmen, sind die beiden hellwach. Der blaue Rucksack neben ihnen kommt mir übrigens sehr vertraut vor, er stammt vom Weltjugendtag 2005. Er gehört Karsten Göpel, der bei der Christlichen Pfadfinderschaft Deutschland nur "Chuck" genannt wird. Er hat auch beim WJT geholfen, als Protestant hatte er "da keine Berührungsängste", sagt er. "Das war ein Riesending und da wollte ich halt dabei sein." Während beim WJT oft zu viele Helfer eingesetzt worden seien, könne das Helfen hier beim Kirchentag gezielter geschehen. Denn man kenne die Kräfte, die oft schon zum wiederholten Mal dabei sind. Chuck wird heute aufpassen, dass nicht zu viele Menschen auf seinen Abschnitt der Wiese drängen.
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Die Glocken machen mächtig Krach. Wenn man so wie ich jetzt am Dom sitzt, die heranflutenden Kirchentagsbesucher in Orange beobachtet und es schafft, nicht vom ewigen Wind weggeblasen zu werden, dann befällt einen schon eine friedlich-evangelische Stimmung. Aber dann platzt mit Macht das Geläut über einen herein. Als wäre es dem Dom der Dome im Heiligen Köln zuviel Protestantismus drumherum, als wollte er zeigen, wer hier eigentlich das Sagen hat. "Der Dom ist ja eigentlich konfessionslos", höre ich einen Passanten hinter mir. Oh! Stimmt ja! Ich nehme alles zurück. Läutet ruhig weiter.
Aber es ist wirklich friedlich hier. Sogar die Polizei, die vor dem Dom herumsteht, wirkt sehr entspannt, trotz der Demos am Vormittag. "Naja - Demos waren es ja nicht. Hier ist ja nicht Rostock." Der Polizist sieht aus, als wäre ihm das sehr recht. Stattdessen lenkt er die kofferziehenden, rollstuhlfahrenden und rucksacktragenden Fußgängerströme über den Platz und betätigt sich als Fremdenführer. "Wo ist die Hohe Straße?" ist die meistgestellte Frage. Aber die kommt von den asiatischen und russischen Touristen, die das Getümmel ansonsten offensichtlich als gottgegeben hinnehmen. Die Kirchentagstouristen fürs Shoppen keine Zeit und suchen jetzt erst mal "ihren Gottesdienst": Erst das Seelenheil, dann das Sightseeing.
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Den ersten habe ich um 12.35 Uhr gesehen. Eine einsame Gestalt in Tiefschwarz, den Kopf mit dem kirchentagsorangenen Tuch bedeckt, so schleppte sich der junge Mann durch die Mittagshitze in Richtung Innenstadt. Trauriges Bild, irgendwie. Das wird doch nicht alles gewesen sein?
Natürlich nicht! Jetzt, nur ein paar Stunden später, ist der Platz vor dem Kölner Dom orange gepunktet, und je länger ich zusehe, desto dichter werden die Flecken. Orange auf Ordensschwester-Grau, orange auf Pfadfinder-Grün, Orange auf Nadelstreifen und auf T-Shirts, um den Hals, in den Haaren, um den Bauch.
Geballtes Orange gibt es in einer Gruppe mitten auf dem windigen Platz: Drei Pfadfinder aus Koblenz sind abgestellt worden, um "die einzigen echten, formbeständigen und qualitativ hochwertigen Bändchen" zu verkaufen. So wie es aussieht, wollen sie die ausgegebenen 12.000 Stück allein unters Kirchenvolk bringen und verpassen mir auch eins. Gut so, die Pressestelle hatte nämlich keine, die waren irgendwo verschütt gegangen, wie der Kölner sagt, also hatte ich ein protestantisches Provisorium aus Plastik um den Hals. Aber jetzt gehöre ich Katholikin auch dazu, wenigstens für fünf Tage - ich bin eine Leih-Evangelische!
Marion Kretz-Mangold am 7.06.07 1:46
malte am 6.06.07 16:22
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