Natürlich gab es in meiner Kindheit in Aachen für mich genügend katholische Attraktionen: Jesus' Windeln, einen imposanten Dom (ein Turm reicht völlig!) und
alle sieben Jahre eine Heiligtumsfahrt. Gratis dazu die bequeme Gewissheit, als römisch-katholisches Schaf stets ein Teil der großen Herde zu sein. Dennoch - oder gerade deshalb - blickte ich neidisch auf die andere Seite des Zauns. Dort, wo das Gras immer grüner und verlockender war:
Während ich in der klammen Kälte von Sankt Katharina meine banalen Sünden einem Vertreter der Kirchenhierarchie beichten musste, machten die Protestanten das mit Gott selbst aus. Während bei uns in den formal strengen Messen der Priester Wasser und Wein alleine süffelte, haben die Protestanten wirklich alles geteilt. Und wie erfrischend schlicht und reduziert waren die evangelischen Kirchen! Von der anderen Seite des Zauns blökte es rüber: Ach, wie schön prachtvoll bei euch alles ist, bei uns ist es so trist und öde.
Die Weide habe ich längst verlassen, aber ich schaue immer noch voller Interesse, was sich auf beiden Seiten tut. Eine stille Sympathie für die evangelische Kirche ist geblieben. Denn eine Bischöfin beispielsweise, die sich scheiden lässt, ist dort Realität, in der katholischen Kirche jedoch undenkbar. Nun bin ich gespannt, in den nächsten Tagen den Protestantismus in hoch-konzentrierter Form zu erleben. Zum Abendmahl haben die katholischen Hirten vorab den Zaun noch mal verstärkt: Ihre Schafe dürfen nicht auf der anderen Seite grasen. Die Protestanten scheinen dagegen alle Zäune eingerissen zu haben: "Buddhistische Meditation für Christen", ein eigenes Podium für "Die Kirche(n) und ihre Ketzer" - auf der Kirchentagsweide ist wohl Platz für alle.
Das Logo des Kirchentages ziert ein Haifisch. Wie viel Biss hat er? Oder wäre ein Walfisch passender gewesen, der unterscheidungslos alles schluckt?
Sabine Tenta am 8.06.07 11:21
Martin Schell am 8.06.07 7:26
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